Mühlengeschichte
Was aus der Rysumer Mühle wird, ist nicht vollends geklärt. Fest steht, dass es nach einem Streit zwischen den Häuptlingsgeschlechtern von Rysum und Loquard im Jahre 1563 zu einer Einigung kommt und Wilko Frese (Rysum) die Mühlengerechtigkeit (das Recht, eine Mühle zu bauen, zu betreiben und Abgaben davon zu erheben) an seinen Vetter Victor Frese II abtritt. Allerdings sichert sich die Herrlichkeit Rysum das Recht, in Loquard ohne Gebühren und ohne Matt (Getreideabgaben) mahlen zu dürfen. Rysums Mühle ist nach 1563 wohl abgerissen worden. In den Kartenwerken aus der damaligen Zeit fehlt sie. Auch Ostfrieslands großer Gelehrter Ubbo Emmius stellt in “Typus Frisiae Orientalis” aus dem Jahre 1595 wohl die Bockwindmühle im Nachbarort Loquard dar. Rysum spart er mit einem Mühlenvermerk dagegen aus. Teil zwei der Rysumer Mühlengeschichte ist der wohl kürzeste: das Häuptlingsgeschlecht von Honstede lässt 1698 eine so genannte Rossmühle errichten. Schon zu Beginn des Jahres 1699 wird dem Rossmüller die Konzession jedoch wieder entzogen - wohl wegen der weiterhin bestehenden Matt- und Mahlfreiheit im Nachbardorf. In den folgenden Jahrhunderten gibt es immer wieder Konzessionsanträge, die Ansinnen werden von den entsprechenden Ämtern jedoch regelmäßig mit dem Verweis auf Loquard und weiter im nahen Umkreis liegende Mühlen abgelehnt. Der Witwe von Honstede wird beispielsweise am 18. Januar 1710 “bei einer Strafe von 20 Goldgulden anbefohlen, sich der Setzung eine Mühle zu enthalten”. Erst im Jahre 1895 beginnt der dritte Teil der Rysumer Mühlengeschichte. Auf dem Hof von Ulfert E. S. Petersen wird ein zweistöckiger Galerieholländer errichtet, drei Jahre später übernimmt die Emder Familie Christians den Betrieb und 1902 wird Peter Schmidt aus Steenfelde als neuer Besitzer eingetragen. 1917 droht ein schnelles Ende, als die Mühle innerhalb weniger Stunden abbrennt. Doch 1921 später steht sie wieder, diesmal als dreistöckiger Galerieholländer - mit Teilen einer alten Mühle aus Varel. 1948 wird das Bauwerk saniert, 1964 stehen weitere Reparaturen an. Müller Martinus Schmid fehlen letztlich 3000 Mark für die anstehenden Arbeiten, die Mühle muss stillgelegt werden. Im Herbst 1964 werden Achtkant nebst Kappe abgetragen und später in die Mühle von Bad Zwischenahn eingebaut. Die Mahlsteine sind bis auf den Weizenstein zerschlagen und in einem kleinen Teich neben der Mühle versenkt worden. Stehen bleibt von dem gewaltigen Bauwerk nur noch der backsteinerne Bodenteil als ebenfalls abbruchreifer Torso. Das Müllerhandwerk in Rysum gehört endgültig der Geschichte an. Der Mühlenrest verwittert zusehends, das Schmuckstück wird zum Schandfleck. Da will es eine glückliche Fügung, dass Rysum in das Dorfsanierungsprogramm aufgenommen wird und die 1983 gegründete Interessengemeinschaft Rysum e.V. 1988 den Entschluss fasst, die Mühle wieder aufzubauen. So gibt es ihn schließlich doch noch: den vierten Teil der Mühlengeschichte. Es ist ein Abschnitt, der das Dorf noch enger zusammenrücken lässt. Bereits 1989 wurde das Ständerwerk eines Achtkants aus Schleswig-Holstein nach Rysum transportiert, der Wiederaufbau konnte beginnen. Liebe zum Detail, fachliches Können, viel Arbeit sowie Verzicht auf Freizeit und Privatleben waren in den nächsten sechs Jahren die ständigen Begleiter der aktiven IG-Mitglieder. 03.01.1991: Die Galerie wird aufgesetzt. 02.11.1991: Der Achtkant wird auf den Turm montiert. 15.05.1993: Die Mühle erhält ihre neue Kappe. 29.04.1995: Das Flügelkreuz wird eingebaut. Und schließlich der 30. September 1995: Exakt zu ihrem 100. Geburtstag wird die Mühle ein zweites Mal eingeweiht. Was viele nicht mehr für möglich gehalten haben, ist eingetreten: Rysums wunderschöne Achse Kirche - Mühle erstrahlt wieder in vollem Glanz!
Seit ihrer Renovierung und Wiederinbetriebnahme im Jahre 1995 hat sich die Rysumer Mühle zu einem Geheimtipp für Gruppenreisen der besonderen Art entwickelt. Zwischen 6 und 16 Personen können den dreistöckigen Galerieholländer buchen. Komplett. Mit Fernsicht über die Emsmündung nach Holland oder weiter nördlich bis zur Nordsee-Insel Borkum. Der Schlafsaal im Dachboden ist mit acht Doppelstockbetten ausgestattet. Die Sanitäranlage besteht aus zwei Toiletten, einem Waschraum sowie einer großzügig angelegten Dusche. Frühstück wird im Mühlencafé serviert. Dieser Raum steht der Gruppe zusätzlich zur Verfügung. Hinter der Mühle befindet sich eine große Außenterasse mit überdachter Grillecke. Fahrräder können auf Wunsch organisiert werden, bei der Ausarbeitung von Touren ist die Interessengemeinschaft Rysum e.V. behilflich. Preise (ab 6 Personen): 16,- Euro pro Person und Nacht (inkl. Frühstück). Bettwäsche kann mitgebracht werden, sonst zusätzlich 2,- Euro. Kontakt: Interessengemeinschaft Rysum e.V. Ekehard Jaspers Denkmalstr. 5 26736 Krummhörn-Rysum Telefon: 0 49 27 - 4 24 E-Mail: volker.hischen@t-online.de |